Blickwinkel Waldbrandmanagement- Interview mit Prof. Dr. Michael Müller

Waldbrandmanagement ist eine integrale Aufgabe. Das heißt, Akteure aus ganz verschiedenen Bereichen arbeiten gemeinsam an einem ganzheitlichen Waldbrandmanagement und dazu gehört neben dem eigentlichen Feuerlöschen auch die präventive Arbeit, um die Resilienz der Wälder zu erhöhen und damit die negativen Effekte von Bränden zu minimieren. Waldbrandmanagement setzt voraus, dass ganz verschiedene Sektoren und Waldbesitzarten beteiligt sind und die Interviewreihe soll die verschiedenen Stimmen des Waldbrandmanagements näher beleuchten.




Professor Dr. Michael Müller von der Technischen Universität Dresden, Fakultät Umweltwissenschaften lehrt und forscht seit langem zum Thema Waldbrände. Zu seinen Forschungsgebieten in der Waldwissenschaft des Waldschutzes zählen ebenso Themen zu Insekten, Mäusen und zum Wild. Er ist u. a. Leiter eines Teilprojekts im ebenfalls durch den Waldklimafonds geförderten Verbundvorhaben THOR, dessen Fokus auf die Waldbrandvorbeugung in Form des Managements von Waldstrukturen liegt. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Verteilung und Qualität von Brennmaterialien stehen dabei im Fokus.


- Waldbrand und Waldsterben, gehört das irgendwie zusammen?

Der Begriff „Waldsterben“ wird im Zusammenhang mit Waldbränden nicht genutzt und würde auch zu nicht sachgerechten Verbindungen verleiten. Dennoch sind Waldbrände in Mitteleuropa ebenso wie Industrieabgase und Nährstoffeinträge fast immer naturfremd, spielen also in der natürlichen Entwicklung von Wäldern Mitteleuropas keine Rolle. Waldbrände töten zumeist die Bäume, tragen Nährstoffe aus, homogenisieren grundsätzlich die Waldökosysteme, setzen Unmassen von Feinstäuben, Treibhausgasen und Giften frei. Insofern ist es schon auf den Waldbrandflächen eine Art von Waldsterben. Unter unseren Standortsbedingungen ist es aber selbstverständlich möglich, Waldbrandflächen sehr schnell natürlich oder künstlich wiederzubewalden.



- Wie ist ihre Prognose in Bezug auf die Waldbrandgefahr in Deutschland?

Seit dem Höhepunkt von Waldbränden in der Mitte der 1970er Jahre sanken die Anzahlen und Flächen von Waldbränden kontinuierlich auf das heute erreichte niedrige Niveau ab. Obwohl Klimaszenarien hohe und länger anhaltend hohe Waldgefahrenindizes zeigen, wird das niedrige Waldbrandniveau bestehen bleiben. Die Gründe dafür sind die abnehmende Waldbrandgefährdung der Wälder, die zur Weltspitze gehörende Waldbrandüberwachung und die zumeist sehr wirkungsvolle Waldbrandbekämpfung in Deutschland. Die besonders gefährdeten Kiefernwälder sind heute im Durchschnitt über 60 Jahre alt und damit können dort nur gut beherrschbare Bodenfeuer aber keine Vollfeuer mehr auftreten. Im Zuge des Waldumbaus werden viele Kiefernwälder in Laub- und Mischwälder gewandelt, die weniger brandempfänglich sind. Schließlich werden fast alle Waldbrände von Menschen verursacht und können deshalb grundsätzlich durch unser Verhalten und durch technische Entwicklungen vermieden werden.



- Wichtiger Teil ihrer Arbeit ist die Untersuchung potentieller Brandgefahr auf munitionsbelasteten Flächen. Wo liegt die größte Schwierigkeit?

Neben den Flächen mit Munitionsbelastung gibt es noch spezielle Gefährdungen von Wäldern auf ehemaligen Bergbauflächen und Wälder mit Einträgen zusätzlicher Brennstoffe wie z. B. Kohlestaub an Bahnlinien in (ehemaligen) Braunkohleabbaugebieten. In solchen Gebieten gibt es einerseits relativ junge Kiefernwälder oder andere Bedingungen für hohe Brandintensitäten. Andererseits besteht das Problem, dass bei Munitionsbelastung Menschen zur Feuerfront in alle Richtungen mindestens 500 m Abstand halten müssen. Das macht eine direkte Brandbekämpfung unter Einsatz von Menschen unmöglich. Auch Bergbaufolgeflächen dürfen bis zur Sicherung nicht betreten werden.


- Waldbrandprävention auf munitionsbelasteten Flächen? Wie kann das funktionieren?

Einerseits muss daran gearbeitet werden, die Munitionsbelastung vollflächig oder zumindest so weit zu beseitigen, dass die Waldbrandbekämpfung möglich wird. Technische Lösungen, ohne dass Menschen an der Feuerfront tätig sein oder verbleiben müssen, gibt es bereits oder werden entwickelt. Voraussetzung für den Erfolg ist eine hinreichende Walderschließung mit Waldbrandschutzwegen und die waldstrukturelle Waldbrandvorbeugung z. B. mit Waldbrandriegeln, die i. d. R. mit Bäumen bestanden sein sollen, aber wegen ihrer Struktur anlaufende Vollfeuer zu Bodenfeuer wandeln. Idealerweise bleiben die Bodenfeuer an den integrierten Wundstreifen stehen oder können dort wirksam gestoppt werden. Außerdem wäre zumindest in den anliegenden Wäldern ein guter Waldpflegezustand wünschenswert, der schon dort nur Bodenfeuer zulässt.


- Im Projekt Waldbrand-Klima-Resilienz (kurz: WKR) wird mit Privatwaldbesitzern zusammengearbeitet, auch im Bereich kontrolliertem Brennen als mögliche Präventionsmaßnahme im Waldbrandmanagement. Wie stehen Sie zum präventiven Brennen?

Ich lehne das wissenschaftlich wohlbegründet und konsequent ab. Es gibt dafür in Deutschland weder natürliche Begründung noch Bedarf. Solch präventives Brennen hat neben der bereits genannten Umweltverpestung und Waldhomogenisierung extreme Nebenwirkungen auf Nichtzielorganismen, als würde man gleichzeitig unselektive Herbizide und Insektizide auf den Boden aufbringen. Außerdem würde die natürliche Waldverjüngung vernichtet, die Gefahr, dass die alten Bäume sterben besteht und die Waldentwicklung wird wieder hin zu reinen Kiefern- oder Kiefern-Birken-Wäldern gelenkt. Außerdem gibt es gerade in den brandgefährdeten Gebieten bereits jetzt starke Vergrasungen in den Wäldern, die ja durch das Brennen nicht bzw. nur für wenige Tage auf der Oberfläche vernichtet wird und anschließend umso intensiver austreibt und die Brandlast kurzfristig wiederherstellt.

Wenn überhaupt, würde man natürliche Waldbrände in Deutschland als Gleichnis in natürlichen Kiefernwäldern verorten. Diese natürlichen Kiefernwälder des Tieflandes gibt es nur auf sehr trockenen und sehr nährstoffarmen Böden sowie auf Mooren und sie haben nur Anteile an der Waldfläche Deutschlands von wenigen Prozent. Die Kiefern in diesen Wäldern sind schlechtwüchsig, produzieren sehr wenig Nadelstreu und die Bodenvegetation besteht vorrangig aus Moosen und Flechten. Diese geringen Brennstoffmengen bedingen beim Vorkommen der extrem seltenen natürlichen Blitzschlagbrände sehr geringe natürliche Waldbrände, die die Bäume auf solchen Flächen zumeist auch überleben. Die so auftretenden Bodenfeuer sind sehr einfach zu löschen. Es besteht also gar kein Bedarf in solchen Wäldern Brandlasten zu senken.


Die Kiefernwälder in denen sich bisher fast alle Waldbrände ereigneten, wären ja von Natur aus Eichenmischwälder oder sogar Wälder der Rot-Buche, die entsprechend gering brandempfänglich sind und niemals Vollfeuer hervorbringen. Wenn es also in den heutigen Kiefernwäldern eine gewisse Anhäufung von Brandlasten in Form von Nadelstreu und Bodenvegetation geben sollte, ist das auf die unnatürliche Bewaldung zurückzuführen, die im Zuge des bereits mehr als 30 Jahre laufenden Waldumbaus in naturnähere, zumindest mit Laubbäumen angereicherte Strukturen überführt wird. Wenn man solche Wälder brennen würde, um die Brandlast wirksam abzusenken, treten die anfänglichen ausschließlich schädlichen Effekte extrem ein und es gibt relativ heiße Bodenfeuer, die auch die Altbäume töten.


Außerdem muss man sich die Dimension einer konsequenten Umsetzung vorstellen. Es dürfte im Tiefland Deutschlands noch immer dreihundert- oder vielleicht auch fünfhunderttausend Hektar strukturarme Kiefernreinbestände geben, von denen sich ein Großteil in einer umbaufähigen Entwicklungsphase aber noch ohne Verjüngung befinden und nur diese würden ja für das Brennen in Frage kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf einem konkreten Hektar Waldfläche davon ein Waldbrand ereignet, liegt bei ca. 0,1 %. Bei diesem geringen Risiko die Waldflächen unter Inkaufnahme der aufgeführten Umweltbeeinträchtigungen und Nebenwirkungen regelmäßig zu durchbrennen ist also nicht nur unnatürlich und umweltschädlich, sondern auch inhaltlich und finanziell extrem unverhältnismäßig. In den identifizierbaren Schwerpunkten der Waldbrandgefährdung sollte vielmehr der Waldumbau gezielt stärker vorangetrieben oder andere waldstrukturelle Waldbrandvorbeugung vollzogen werden.


Der Einsatz von Feuer zur direkten Waldbrandbekämpfung in Form von Vor- oder Gegenfeuer bleibt selbstverständlich eine extreme aber in bestimmten Situationen anwendbare Methode, um anders schwer bekämpfbare Waldbrände zu stoppen.



- Was können Privatwaldbesitzer als vorbeugende Maßnahmen ergreifen?

Das Wichtigste ist die notwendige Walderschließung durch Wege, die von Einsatzkräften befahren und für die Entfaltung der Brandbekämpfung genutzt werden können. Dafür gibt es in entsprechenden Gebieten Förderinstrumente. Diese Wege müssen aber auch gepflegt und ständig von Hindernissen freigehalten werden. Dann wären gute Waldpflegezustände insbesondere an den Waldbrandschutzwegen und anderen Vorbeugungseinrichtungen (z. B. Waldbrandriegel) zu nennen, die nur Bodenfeuer zulassen. Hinzu kommen in besonders gefährdeten Gebieten gezielte Waldbrandschutzkonzepte für waldstrukturelle Vorbeugung, die u. a. Waldbrandriegel, Wasserentnahmestellen, weitere Informationen über die Wälder und auch aktuelle Kartenwerke enthalten sollten. Dafür sollten die Waldbesitzer/innen die notwendigen Informationen bereitstellen.